Nachhaltigkeit und CSR

Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung

„Unter Messebedingungen wurde untersucht, wie Kreislaufwirtschaft umgesetzt wird

Das Forschungsprojekt Kreislaufwirtschaft in der Messewirtschaft, kurz KRIDEM, entwickelt praxisnahe Ansätze, um Ressourcen effizienter zu nutzen und Kreisläufe konsequent zu schließen. Der AUMA ist mit seinem Netzwerk eingebunden. Erstmalig wurden im Mai 2026 auf der Branchenmesse für Orthopädie- und Reha-Technik, OTWorld in Leipzig, als Reallabor Stoffströme umfassend analysiert.

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Barbara-Maria Lüder und Michel Ghattas-Kämpfner sprechen über das Forschungsprojekt KRIDEM.

Welche konkreten Ziele verfolgt das Forschungsprojekt?

Michel Ghattas-Kämpfner: KRIDEM beschäftigt sich mit der Frage, wie die Messewirtschaft ressourcenschonender und nachhaltiger gestaltet werden kann. Im Mittelpunkt steht dabei, die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft stärker in Messeplanung, Messebetrieb und Messebau zu verankern.

Hierfür werden Material-, Energie-, Wasser- und Abfallströme ganzheitlich betrachtet und hinsichtlich einer effizienteren Nutzung untersucht. Gleichzeitig widmet sich das Projekt der Entwicklung nachhaltiger Geschäftsmodelle für die Messebranche. Unternehmen sollen durch kreislaufwirtschaftsfähige Praktiken auch wirtschaftlich profitieren können, beispielsweise durch geringere Ressourcen- und Prozesskosten.

Welche Rolle kommt dem AUMA im Projekt zu?

Barbara-Maria Lüder: Wir als Verband der deutschen Messewirtschaft begleiten das Forschungsprojekt mit Fachkompetenz und großem Verbandsnetzwerk. Einen besonderen Blick richten wir dabei auf die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die Messewirtschaft insgesamt. Als Schnittstelle zur Branche ist es unsere Aufgabe, Erfahrungen aus dem Projekt zu bewerten, branchenspezifische Fragestellungen aufzunehmen und den Austausch zwischen Wissenschaft, Messegesellschaften und den vielen anderen Akteuren der Messewirtschaft zu unterstützen.

Welche Rolle spielt das Praxisbeispiel OTWorld im Projekt und welche Erkenntnisse sind zu erwarten?

Michel Ghattas-Kämpfner: Die OTWorld fungiert als Reallabor. Unter echten Messebedingungen wurde bei der Ausgabe im Mai 2026 beispielhaft untersucht, wie Kreislaufwirtschaft bei der Leipziger Messe und stellvertretend für die Branche insgesamt aktuell umgesetzt wird.

Als internationale B2B-Veranstaltung mit der Kombination aus Fachmesse und Kongress bildet die OTWorld besonders komplexe Abläufe ab, die eine praxisnahe Betrachtung ermöglichen. Gleichzeitig bietet die Mischung aus Systemständen und individuell gebauten Messeständen gute Voraussetzungen, um unterschiedliche Ansätze der Kreislaufwirtschaft im Veranstaltungsumfeld zu analysieren.

Im Fokus steht die Frage, an welchen Stellen Ressourcen verbraucht werden und wo sich Kreisläufe künftig besser schließen lassen. Betrachtet wird unter anderem, welche Materialien eingesetzt werden, wo welche Mengen Abfall entstehen, wie Wiederverwendung ermöglicht werden kann und welche organisatorischen Veränderungen dafür notwendig sind. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sollen künftig auch auf andere Messeveranstaltungen übertragbar sein.

„Im Rahmen einer Stoffstromanalyse werden die erfassbaren Stoff- und Ressourcenströme systematisch untersucht und ausgewertet.“

Michel Ghattas-Kämpfner

Wie genau wurden denn die Material-, Energie- und Stoffströme analysiert und welche Fachbereiche waren dabei?

Michel Ghattas-Kämpfner: Zu Beginn wurde ein sogenannter Circular Scan durchgeführt, der den Charakter der OTWorld qualitativ und quantitativ erfasst hat. Ergänzend dazu werden im Rahmen einer Stoffstromanalyse die erfassbaren Stoff- und Ressourcenströme systematisch untersucht und ausgewertet.

Die zentrale und koordinierende Rolle übernimmt das Nachhaltigkeitsmanagement der Leipziger Messe, bei dem alle Prozesse zusammenlaufen. In die Analyse fließen unter anderem konkrete Daten des OTWorld-Projektteams sowie der Marktforschung ein. Betrachtet werden zudem unterschiedliche Bereiche der Veranstaltung darunter der Materialeinsatz im Standbau durch unseren Standbauer Fairnet und Cateringprozesse durch unseren Caterer Fairgourmet als Tochtergesellschaften der Leipziger Messe. Gemeinsam mit den technischen Fachbereichen werden außerdem Themen wie Energie- und Wasserverbräuche, Entsorgungs- und Abfallmengen sowie Logistik- und Transportwege analysiert.

Besonderheit ist, dass während der OTWorld die erfassbaren Abfälle in den verschiedenen Veranstaltungsphasen – Aufbau, Durchführung und Abbau – möglichst detailliert analysiert wurden. Daraus sollen konkrete Empfehlungen zur Abfallvermeidung und zur effizienteren Ressourcennutzung abgeleitet werden.

Zusätzlich wurden die Abfälle, soweit möglich, einzelnen Messeständen zugeordnet. Auf dieser Grundlage können künftig differenzierte Empfehlungen je nach Standtyp, beispielsweise für System- oder Individualstände, entwickelt werden. Parallel dazu wird untersucht, welchen Einfluss organisatorische Abläufe, Prozesse und Entscheidungen haben und wie diese optimiert werden können, um Gedanken der Kreislaufwirtschaft stärker in Messen und Kongressen zu implementieren.

© Leipziger Messe | Anika Dollmeyer

© Leipziger Messe | Anika Dollmeyer

Welche Schritte sind als Nächstes geplant? Und wie wird aus Projekterkenntnissen ein echter Mehrwert für die gesamte Messewirtschaft?

Michel Ghattas-Kämpfner: Im nächsten Schritt werden die erhobenen Daten detailliert ausgewertet. Darauf aufbauend sollen konkrete Handlungsfelder und Maßnahmen entwickelt werden, etwa für ressourcenschonenden Messebau, effizientere Logistikprozesse, eine bessere Wiederverwendung von Materialien, höhere Trennquoten oder allgemein gesprochen nachhaltigere Entsorgungsprozesse.

Ergänzend dazu sollen Handlungsempfehlungen für Unternehmen der Messewirtschaft erarbeitet werden. Bis zum Abschluss des Projekts Ende 2026 sollen konkrete und umsetzbare Lösungsansätze sowohl für die Leipziger Messe als auch für die Messewirtschaft insgesamt vorliegen. Die Ergebnisse sollen durch die Hochschule Osnabrück wissenschaftlich publiziert sowie gemeinsam mit dem AUMA und der Leipziger Messe innerhalb der Branche zugänglich gemacht werden.

„Das Reallabor OTWorld kann helfen, konkrete Handlungsoptionen sichtbar zu machen und den Unternehmen der Messewirtschaft eine Orientierung für die Umsetzung im eigenen Betrieb zu geben.“

Barbara-Maria Lüder

Barbara-Maria Lüder: Unsere Erkenntnisse aus dem Projekt sollen künftig durch die AUMA-Gremien, den fachlichen Austausch mit den Mitgliedern sowie Informations- und Kommunikationsformate in die Branche getragen werden. Dazu gehören insbesondere der AUMA-Arbeitskreis Nachhaltigkeit, aber auch Fachinformationen und praxisorientierte Veröffentlichungen, mit denen die Projektergebnisse für Messegesellschaften und die unterschiedlichen Dienstleister nutzbar gemacht werden können. Das Reallabor OTWorld kann helfen, Handlungsoptionen sichtbar zu machen und den Unternehmen der Messewirtschaft eine Orientierung für die Umsetzung im eigenen Betrieb zu geben. So sollen aus den Projektergebnissen nicht nur Impulse, sondern möglichst anwendbare Werkzeuge entstehen, die eine stärkere Verankerung kreislaufwirtschaftlicher Ansätze in der Messepraxis unterstützen.

Die Fragen stellte Anne Böhl, Managerin Media im AUMA.

Michel Ghattas-Kämpfner (Jahrgang 1994) ist seit Herbst 2024 als Nachhaltigkeitsmanager bei der Leipziger Messe tätig. Zuvor verantwortete er als kommunaler Klimaschutzmanager in Burg bei Magdeburg nachhaltige Transformationsprozesse auf kommunaler Ebene. Sein Fokus liegt auf der Entwicklung und der Umsetzung ganzheitlicher Nachhaltigkeitsstrategien sowie einer konsequent nachhaltigen Unternehmensführung.

Barbara-Maria Lüder (Jahrgang 1973) ist seit 2006 im AUMA als Managerin für Recht, Steuern und Technik verantwortlich, seit 2008 auch für Nachhaltigkeit. Die Juristin war vor ihrem Studium in Kiel und Berlin als Hotelfachfrau in Hamburg tätig.