„Wer Branchenwissen in sein Programm übersetzt, wird als Partner unverzichtbar“
Die Messelandschaft befindet sich seit jeher im Wandel. Kuratierte Inhalte, messbarer Mehrwert und digitale Services rücken zurzeit in den Mittelpunkt – neben der klassischen Produktpräsentation. Tobias Eichberg und Chris Armstrong erläutern, wie die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) diesen Wandel aktiv mitgestaltet und was dieser für DLG-Weltleitmessen wie Agritechnica und EuroTier bedeutet.
Christopher Armstrong, Manager Open Innovation & Start-up Relations bei der DLG.
© DLG
Tobias Eichberg, Geschäftsführer der DLG Markets GmbH.
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Welche Rolle spielen Messen heute als Content-Geber und inhaltliche Plattform für die Landwirtschaft?
Tobias Eichberg: Messen sind längst mehr als Produktschauen, sie sind die wichtigsten Wissensdrehscheiben ihrer Branchen. Bei Agritechnica und EuroTier erleben wir das jedes Mal aufs Neue: Landwirte, Unternehmen und Wissenschaft kommen nicht nur, um zu kaufen oder zu verkaufen. Sie kommen, um Antworten auf die drängendsten Fragen der Branche zu finden: zu Digitalisierung, Klimaschutz, Effizienz und Tierwohl. Deshalb haben wir unser Programmangebot konsequent ausgebaut mit DLG-Expert-Stages, DLG-Spotlights, dem Digital Farm Center, um nur einzelne Beispiele zu nennen. Wir kuratieren Inhalte, die echten Orientierungswert haben. Für die DLG ist dieser Anspruch keine Reaktion auf einen Trend, sondern Teil unserer DNA. Seit 140 Jahren steht die DLG für Wissenstransfer und fachliche Qualität.
Die DLG fördert auf ihren Messen gezielt junge, innovative Unternehmen. Warum ist das so wichtig – und welche Impulse geben Start-ups und neue Marktteilnehmer der Branche?
Chris Armstrong: Junge Unternehmen liefern entscheidende Impulse für eine zukunftsfähige Landwirtschaft. Gründerinnen und Gründer treiben Themen wie Digitalisierung, Automatisierung und Robotik oder auch ein verstärktes Arbeiten in Kreislaufwirtschaft sowie Konzepte der regenerativen Landwirtschaft voran, oft aus fachfremden Bereichen und mit einem frischen Blick. Das ist essenziell, um den großen Herausforderungen zu begegnen: Klimaschutz, Ressourceneffizienz, steigende Anforderungen an Tierwohl und Produktivität. Gleichzeitig steht die Branche vor einem spürbaren Fachkräftemangel. Umso wichtiger ist es, Talente zu fördern und ihnen eine Plattform zu bieten. Die Präsenz innovativer Start-ups auf unseren Leitmessen zeigt eindrucksvoll: Landwirtschaft ist ein hochmoderner, zukunftsfähiger Arbeitsbereich mit echten Perspektiven.
„Know-how- und Innovationstransfer sind unser USP, den wir kontinuierlich an einen schnelllebigen Markt anpassen.“
Tobias Eichberg
Unser jüngster AUMA-Veranstalter-Ausblick beschreibt Messen zunehmend als kuratierte Business- und Networking-Plattformen mit hohem Anspruch an Content, Erlebnis und messbaren Mehrwert. Welche Chancen ergeben sich daraus für die DLG?
Tobias Eichberg: Der Veranstalter-Ausblick beschreibt damit treffend, was wir in der Praxis bereits umsetzen. Der Anspruch an kuratierte Inhalte und messbaren Mehrwert ist für uns als DLG eine echte Chance: Wir bringen unsere Stärken – fachliche Glaubwürdigkeit, fundierte Wissensaufbereitung und internationale Netzwerkkompetenz – direkt in das Messeerlebnis ein. Know-how- und Innovationstransfer sind unser USP, den wir kontinuierlich an einen schnelllebigen Markt anpassen. Mit Innovationsformaten wie Rapid-Prototyping-Wettbewerben, Hackathons, dem Science Campus bei der EuroTier oder dem International Dealer Center auf der Agritechnica schaffen wir Räume für echten Austausch und konkrete Geschäftsanbahnung. Wer als Veranstalter Branchenwissen konsequent in sein Programm übersetzt, wird als unverzichtbarer Partner wahrgenommen. Das ist unser Anspruch und unsere Chance.
„Jüngere Entscheider wollen Messen ganz anders erleben als frühere Generationen. Mit unseren vielfältigen Angeboten für Start-ups – von Awards, über Sonderausstellungsbereichen, bis zu spezialisierten Networking-Formaten für Gründer, Investoren, Wissenschaft und Praxis – adressieren wir diese Herausforderung umfassend.“
Christopher Armstrong
Der AUMA-Veranstalter-Ausblick benennt auch Herausforderungen – von Kostendruck über veränderte Erwartungen der ausstellenden Unternehmen, Besucherinnen und Besucher bis zur Integration digitaler und KI-gestützter Services. Was sind die größten Herausforderungen für die DLG?
Tobias Eichberg: Der Kostendruck auf allen Seiten ist real. Aussteller kalkulieren ihre Messebeteiligung heute strenger als je zuvor – zu Recht. Wir müssen jeden investierten Euro rechtfertigen. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an digitale Services enorm: KI-gestützte Matchmaking-Tools, digitale Ausstellerverzeichnisse, hybride Formate – das ist kein Nice-to-have mehr. Dem stellen wir uns proaktiv: Zur Agritechnica 2023 haben wir ein KI-gestütztes Simultanübersetzungstool pilotiert und dessen Einsatz auf weiteren Veranstaltungen ausgebaut.
Chris Armstrong: Dazu kommt der demografische Wandel. Jüngere Entscheider wollen Messen ganz anders erleben als frühere Generationen. Mit unseren vielfältigen Angeboten für Start-ups – von Awards über Sonderausstellungsbereiche bis zu spezialisierten Networking-Formaten für Gründer, Investoren, Wissenschaft und Praxis – adressieren wir diese Herausforderung umfassend. Wir müssen die Bedürfnisse von Innovatoren frühzeitig erkennen und in passende Event- und Präsentationsformate übersetzen. Wir bringen Start-ups, etablierte Branchenteilnehmer und potenzielle Investoren in verschiedenen Matchmaking-Formaten gezielt zueinander. Somit profitieren beide Seiten, also die jungen Gründer und potenzielle Geschäftspartner, von Networking-Möglichkeiten, wechselseitiger Sichtbarkeit und einem gezielten Austausch von Ideen. Dass dieses Konzept aufgeht, zeigt eindrucksvoll die Agritechnica 2025: Die Besucherzahlen lagen nochmals über denen von 2023.
Glückwunsch! Welche Bedeutung haben denn Vorträge und Fachprogramm heute für den Erfolg der Messe – und können sie auch dazu beitragen, die Messe als Branchenplattform insgesamt resilienter zu machen?
Tobias Eichberg: Vorträge, Fachprogramme und der direkte Austausch sind ein zentraler Erfolgsfaktor von EuroTier und Agritechnica, weil sie weit über die reine Technikschau hinausgehen. Beide Messen sind heute vor allem Wissens- und Netzwerkplattformen, auf denen Praxis, Wissenschaft und Industrie zusammenkommen, um gemeinsam Lösungen für eine nachhaltige und effiziente Landwirtschaft zu entwickeln.
Gerade der interdisziplinäre und internationale Austausch beschleunigt Innovationen, etwa in Bereichen wie Tierhaltung, Pflanzenbau, Digitalisierung oder Automatisierung. Und er bringt neue Impulse direkt in die Praxis.
Diese Formate machen die Messen zugleich resilient: Die Besucher nehmen nicht nur konkretes Wissen, neue Kontakte und Orientierung mit, sondern erleben auch den direkten Mehrwert des Austauschs. Diese positiven Erfahrungen führen dazu, dass viele gezielt wiederkommen. So wird die langfristige Relevanz von EuroTier und Agritechnica als zentrale Treffpunkte der globalen Agrarbranche gestärkt.
Die Fragen stellte Anne Böhl, Managerin Media im AUMA.
Tobias Eichberg (Jahrgang 1968) verantwortet als Geschäftsführer der DLG Markets GmbH das internationale Messe-, Event- und Projektgeschäft der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft). Der Diplom-Agraringenieur blickt auf langjährige Führungserfahrung im Messe-, Projekt- und Marketingmanagement sowie im Consulting zurück. Mit seiner Expertise gestaltet er seit 13 Jahren das internationale Messe-, Veranstaltungs- und Kooperationsgeschäft der DLG.
Christopher Armstrong (Jahrgang 1987) vernetzt als Manager Open Innovation & Start-up Relations bei der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) junge Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Investorinnen und Investoren, Accelerators und Start-up-Verbände mit Entscheiderinnen und Entscheidern aus der Agrar- und Ernährungswirtschaft, der Wissenschaft sowie der Finanzierungsbranche. Sein Ziel: neue und aus fachlicher Sicht zukunftsfähige Konzepte wirtschaftlich tragfähig im Markt zu verankern.